Brot für die Welt: Insbesondere arme Konfliktstaaten bekommen zu wenig Klimaanpassungshilfen
Ausgerechnet Länder, in denen hohe Klimarisiken, Armut und Konflikte zusammentreffen, erhalten einer Untersuchung zufolge besonders wenig Unterstützung bei der Anpassung an die Erderwärmung. Die Hilfsorganisation Brot für die Welt erklärte am Donnerstag, ihr neuer Klimaanpassungsindex zeige, dass 92 der 129 untersuchten Länder im globalen Süden in diesem Bereich "stark oder extrem unterfinanziert" seien. In den betroffenen Ländern leben demnach mehr als 6,3 Milliarden Menschen.
"Wir brauchen eine Trendumkehr. Wer am stärksten gefährdet ist, muss zuerst Unterstützung erhalten", forderte die Präsidentin von Brot für die Welt, Dagmar Pruin. Die Organisation kritisierte, dass nach Zuwächsen bis 2022 im neuesten Untersuchungsjahr 2023 der Umfang der Anpassungsfinanzierung ins Stocken geraten sei.
Afghanistan, der Tschad und der Südsudan seien dabei wie in den Vorjahren die Schlusslichter bei den Anpassungshilfen. Auch Somalia, der Niger, Mali und der Jemen zählen demnach zu den am stärksten unterfinanzierten Ländern.
Die Untersuchung bestätige "einen Trend: Dieselben armen, fragilen und besonders gefährdeten Staaten bleiben bei der Klimaanpassungsfinanzierung zurück", bemängelte Brot für die Welt. Dies deute "auf strukturelle Zugangsbarrieren" bei Anpassungshilfen hin.
"Als größter bilateraler Geber von Anpassungsfinanzierung muss Deutschland politisch vorangehen und gemeinsam mit anderen Gebern strukturelle Zugangshürden abbauen", forderte Pruin. Dazu zählen laut Brot für die Welt "komplizierte Verfahren und Anforderungen, die den Bedingungen in fragilen Staaten nicht gerecht" würden.
"Die Bundesregierung muss ihre Zusagen einlösen und sowohl in ihrer bilateralen Zusammenarbeit als auch in Klimafonds und Entwicklungsbanken eine risikogerechtere Mittelverteilung vorantreiben", mahnte Pruin. Nötig seien "einfachere Verfahren und direkte Zugänge für lokale Organisationen – gerade in Krisenregionen".
Brot für die Welt kritisierte außerdem eine langfristige Verschiebung der Hilfen der reichen an arme Staaten von Zuschüssen hin zu Krediten. Der Zuschussanteil sank dem Index zufolge von knapp 58 Prozent im Jahr 2016 auf rund 45 Prozent 2023, während mehr Hilfen über rückzahlbare Kredite bereitgestellt worden seien.
"Klimaanpassung auf Pump belastet besonders verletzliche Länder doppelt: Sie müssen sich vor Klimafolgen schützen und dafür zusätzliche Schuldenlasten stemmen", erklärte die Klima-Expertin der Organisation, Sabine Minninger. Die Länder bräuchten aber "mehr Zuschüsse, keine Kredite".
Zudem forderte Minninger, außer den Hilfen für Klimaschutz und Klimaanpassung auch die Hilfen bei bereits eintretenden Klimaschäden wie etwa bei der verheerenden Sturzflut in Nepal gesondert auszuweisen. "Die Finanzierung zur Bewältigung klimabedingter Schäden und Verluste bleibt ein blinder Fleck", kritisierte die Klima-Expertin. "Doch nur mit einem Gesamtbild kann realistisch erfasst werden, welche Unterstützung die Betroffenen erreicht oder wie groß die Lücke ist."
Der Klimaanpassungsindex stützt sich auf Finanzierungszusagen im Rahmen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) für die Jahre 2017 bis 2023.
Der Umfang der Hilfen der reichen Industrieländer für den Klimaschutz und die Klimaanpassung in ärmeren Ländern sowie die Anerkennung bereits eintretender klimabedingter Schäden und Verluste gehören zu den zentralen Streitthemen in der internationalen Klimadiplomatie. Sie dürften auch bei der nächsten UN-Klimakonferenz, die am 9. November im türkischen Antalya beginnt, wieder eine wichtige Rolle spielen.
M.Ajlan--al-Hayat